Warum und wie ich diesen Film gemacht habe von Miklós Gimes

Tom Kummer, einer der grössten Schwindler der deutschsprachigen
Mediengeschichte, hat in den Neunzigerjahren eine Reihe erfundener
Interviews mit Filmstars und Rockmusikern veröffentlicht; Leuten
wie Sharon Stone, Sean Penn, Nicholas Cage oder Courtney Love. Er
sprach mit ihnen über Sex und Drogen, über Langeweile und
Einsamkeit. Die gross aufgemachten Artikel lieferte er an
renommierte Blätter wie dem “Süddeutsche Zeitung Magazin” und dem
Zürcher “Tages-Anzeiger Magazin”.

Kummer’s Interviews waren Kult. Die besten Gespräche erschienen
sogar im deutschen Taschenbuchverlag. Dann ist Kummer aufgeflogen,
und das Buch musste aus den Regalen genommen werden.
Ich war stellvertretender Chefredaktor des “Tages-Anzeiger
Magazins”, als Kummer für uns zu schreiben begann. Mein
Chefredakteur hiess René Bortolani. 1997 hat Roger Köppel von uns
die Leitung des Blattes übernommen. Zwei Jahre später ist Kummer
entlarvt worden. Für uns vom “Tages-Anzeiger Magazin” gab es keine
Konsequenzen, aber Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, die
beiden Chefredaktoren des Magazins der “Süddeutschen Zeitung”,
wurden entlassen.

Seither ist Kummer als Journalist erledigt. Er lebt als
Tennislehrer in Los Angeles, mit seiner Frau und zwei Kindern.
(Genauer: Er ist Coach für Kleinfeldtennis, das in Kalifornien
gespielt wird, um sich fit zu halten.)
Ich hatte Kummer nach seinem tiefen Fall aus den Augen verloren und
wurde erst wieder neugierig auf ihn, als 2007 seine Autobiografie
mit dem Titel “Blow up” erschien. Es fiel auf, dass er keine Reue
zeigt. Nicht einmal die beiden Kollegen, die seinetwegen entlassen
worden sind, tun ihm wirklich leid. Denn aus Kummers Sicht sieht
sein Fall ganz anders aus. Er ist es, der fallengelassen wurde.
Was ist los mit diesem Menschen, fragte ich mich. Ist er ein
klassischer Hochstapler? Oder eine tragische Figur? Hat er seine
Karriere zerstört aus einem Antrieb, der stärker ist als er? Diesen
Fragen bin ich in diesem Film nachgegangen.

Tom Kummer wuchs in den Sechzigerjahren in Bern auf.
Mittelständisches Milieu, der Vater starb früh. Mit zwanzig
wanderte er nach Berlin aus und entdeckte das Schreiben. Wurde bei
“Tempo” angestellt, dem angesagtesten Magazin der frühen
Neunzigerjahre, und startete eine fulminante journalistische
Karriere. Machte extreme Sachen, immer an vorderster Front,
recherchierte in Elendsvierteln und im Drogenmilieu.

1993 ist Kummer mit seiner Freundin nach Los Angeles ausgewandert
und begann mit den berüchtigten Starinterviews. Wenn man die Texte
liest, stellt man fest: Sie handeln von seiner Einsamkeit und der
Suche nach dem Sinn des Lebens. Mit der Zeit werden sie immer
verwegener und abgehobener. Er erfindet jetzt alles, auch Portraits
und Reportagen, bis er aus eigener Nachlässigkeit auffliegt.

Das ist der Lebenslauf, den ich im Film mit Kummer nochmals
abgeschritten bin, in Bern, Zürich, Berlin, Hamburg, München, Los
Angeles. Ich habe gemerkt, dass der Fall Kummer immer noch
vermintes Gebiet ist. Seine früheren Chefs wollen von ihm nichts
mehr wissen. In ihren Augen ist Kummer ein notorischer Betrüger
oder im besten Fall eine irre Figur, die den Boden unter den Füssen
verloren hat.

Auf unserer Reise in die Vergangenheit habe ich Tom Kummer immer
wieder mit meinen Fragen konfrontiert. Ich machte die klassische
Erfahrung des Journalisten: Es ist schwierig, die letzte Wahrheit
zu erfahren.